Alltagsanekdoten / everyday life · Hochsensibilität / high sensitivity

Alltagskampf einer Hochsensiblen: Das Kreuz mit der Lärmbelästigung

Heute hab ich’s grad mit „schreienden“ Frauen. Denen so gänzlich jegliches Feingefühl abhanden gekommen zu sein scheint betreffend Lautstärke in der sie kommunizieren. Zuerst im Zug direkt hinter mir, so dass ich ans andere Ende umziehe und selbst dort noch jedes Wort verstehe, und dann dasselbe im Café. 

Ein Teil von mir appelliert dann wieder an mein Verständnis, dass wenn es halt an Bewusstsein fehlt, es eben an Bewusstsein fehlt und es ihr schlichtweg nicht bewusst ist, so wie auch mir manches nicht bewusst ist…(ich zudem selbst ein eher lautes Organ habe, zeitweise). Und dass es wohl tatsächlich Leute gibt, die da so abgestumpft sind, dass die ärgste Lärmbelästigung ihnen nichts anhaben kann, während ich mich diesbezüglich halt schon sehr schnell belästigt fühle, da wohl als empfindlich bezeichnet werden könnte und darf.

Das Problem daran ist, dass ich keinen störe, wenn ich still bin und in allem versuche, Rücksicht zu nehmen, dass die anderen mich aber konstant mit ihrer „Unsensibilität“ einengen. So vonwegen gleiches Recht für alle – ich kann ja keinem verbieten, zu reden oder vielmehr zu schreien, gleichzeitig schränkt er mich dann aber damit in meinem Bedürfnis nach Ruhe ein, so dass Gleichberechtigung meiner Meinung nach wäre, dass sie 1/2 Stunde lang schreien dürfen, dafür dann aber anschliessend auch 1/2 Stunde lang schweigen. Käme bestimmt mal wieder arg gut an dieser Vorschlag. Verpassen würde die Menschheit jedoch nichts, denn wenn man mal darauf achtet, was mir Menschen non-stop so an Belanglosem von uns geben (man lese nur mal meinen Blog), dann kann Schweigen nur besser sein… 

Ein Teil also, der mal wieder Verständnis für alles und jeden mir abverlangt und auch hat. Ein anderer, der findet, dass es ja an Bewusstheit fehlen kann, dass ich ihr dann aber ein Wachstumsfeld eröffnen könnte, indem ich sie einmal nett darauf hinweise, dass nicht jeder Anwesende so wahnsinnig an ihren Belanglosigkeiten interessiert ist – nur noch netter formuliert halt. Wieder ein weiterer Teil würde dann wohl gar soweit gehen, sie zu umarmen, denn genau da scheint’s doch immer wieder zu fehlen, wenn wir uns so in den Vordergrund drängen – für Aufmerksamkeit, ein bisschen Liebe, Anerkennung. Dann gibt es da natürlich auch den Teil, der schnaubt und ihr böse Blicke zuwirft – böse Blicke kann ich besonders gut. Weil ich ja auch so erzogen wurde, bloss nicht anzuecken, immer nett und brav zu sein – wenn man dies denn so bezeichnen will -, und viele es wohl unpassend fänden, wenn ich mich schwierig gebe und die Damen bitte, ihr Volumen etwas herunterzuschrauben. Wobei wahrscheinlich mal wieder alle feige schweigen, gleichzeitig aber froh wären, einer würde es wagen anzuecken, alle von dieser Belästigung erlösen. Plus natürlich all die vielen Abgestumpften, denen eh alles egal ist – oder diejenigen, die so happy und ausgeglichen sind, dass sie total darüber stehen, beneidenswert! Und die, die sowieso an allem etwas auszusetzen haben, die sich wohl über die Frau nerven, aber dann auch über mich und sowieso über das Leben, die Politik, das Wetter etc. 

Was eine alltägliche Situation in einer Hochsensiblen so auslöst, non-stop. Und das war noch gar nichts. Ich glaube, es gibt keine Seite von einer Situation, die ich nicht sehe, und alles gleichzeitig. Wonach dann also handeln? Und daher schon auch das Verständnis dafür, dass viele mir so unverständlich viel gern ausblenden und verdrängen, damit sie handeln können, so kurzsichtig es auch sein mag. Weil Ignorance auf gewisse Art und Weise eben schon arger Bliss ist… Ich denke es immer wieder. In meinem Kopf geht in 5 Minuten wohl mehr ab, als bei so manchem in einem Jahr. Der denkt automatisch 5 Jahre weiter, ohne dass ich ihn darum bitte, ganz im Gegenteil. Wie oft schon vergebens versucht, anderen, vor allem auch am Arbeitsplatz oder gegenüber Fachpersonen, zu erklären, dass ich mich abgrenze, Dinge bewusst ausblende, dass dann aber immer noch viel mehr zu verarbeiten übrig bleibt, als bei ihnen überhaupt je bewusst statt gefunden hat.

Und oft einfach auch schiere Hilflosigkeit. Hilflosigkeit in unserer reizüberflutenden Welt. Da doch meinen Platz einzunehmen und für meine Bedürfnisse einzustehen. Nur wie? Gerade wenn man zum Beispiel ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ruhe hat. So auch diese Tage, als ich gerade so schön auf einer Bank am See sass, die Idylle, die Sonne, die Ruhe genoss. Und dann kommen zwei und setzen sich zu mir. Natürlich, so eine Bank ist für alle da, und sitzen dürfen sie ja auch. Nur fangen sie dann natürlich an zu reden, und aus ist’s mal wieder mit meiner Ruhe.

Ich wechsle also die Bank. Geniesse abermals den schönen Tag, den Ausblick sowie ein gutes Buch, als wiederum zwei kommen und dieses Mal sogar fragen, ob sie sich dazu setzen dürfen. Was will ich denn auch sagen? Also bejahe ich, und keine 5 Minuten geht’s, und ich darf abermals umziehen. Und der Gedanke, ob ich halt doch eine klar Ansage hätte machen sollen: „Ja, sie dürfen sich setzen, aber seien sie bitte ruhig“. Oh weh! Das kann ich doch nicht sagen, oder sollt ich’s eben doch? Die Situationen wiederholen sich, immer und immer wieder, und immer und immer wieder stehe ich an… Weil ihr für mich „rücksichtsloses“ Verhalten als salonfähig und normal gilt, ich hingegen als komisch und empfindlich, und indem ich sie machen lasse, dies automatisch auf meine Kosten geht, andersrum dann aber auf ihre.

Wobei ich sagen muss, dass wir Schweizer und Deutsche diesbezüglich doch allgemein noch eine andere Sensibilität und mehr Verständnis und Rücksichtnahme aufweisen als zum Beispiel vielerorts in Asien. Ich erinnere mich da höchst ungern an mehrere Busreisen, zusammengepfercht mit u. a. Zigarettenqualm und übertrieben lauter Musik, non-stop, und meiner verzweifelten Bitte, diese doch wenigstens etwas runterzuschrauben, der nur seltenst nachgekommen wurde. Oder an Baustellen auf Bali, die Tag und Nacht durcharbeiten dürfen und selbst nachts lärmtechnisch teilweise höchstes Geschütz auffahren.

Als Tipp für andere Lärmgeplagte, insofern ich in meiner Hilflosigkeit überhaupt irgendwelche Tipps geben kann: Ich habe mir vor zwei 1/2 Jahren Ohrstöpsel anfertigen lassen (http://www.neuroth.ch/gehoerschutz/privat/produkte/schlafschutz/), die doch immerhin ordentlich was abfangen, vor allem dann auch nachts zum Schlafen. Diese gebe ich nicht mehr her und hab auf Reisen arg acht darauf geben, sie bloss nicht zu verlieren.

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2 Kommentare zu „Alltagskampf einer Hochsensiblen: Das Kreuz mit der Lärmbelästigung

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