Alltagsanekdoten / everyday life

Mit einem Lächeln durch die Stadt ziehen

Ein Text, der schon lange geschrieben, aber nie gepostet worden ist…wie noch so manch anderer.

Ich möchte mir eigentlich gerne jeweils eine Intention für den Tag setzen – bewusst und positiv und nicht „öh, heut ist irgendwie grad’n Scheisstag und so“. Leider mache ich auch das viel zu selten, aber immerhin, ab und an dann doch mal. Diese Tage in Berlin dachte ich, dass ich mich doch mal wieder an einem bewussten Lächeln versuchen könnte. Und zwar nicht nur bei den Leuten, wo es mir nach Lächeln ist, sondern ganz allgemein, dieses frei an jeden zu verschenken, der meinen Weg kreuzt.

Ich hatte das schon einmal in der Schweiz gemacht, in Zürich. Die Gesichter, die da so zur Schau getragen werden, würden es weltweit wohl locker unter die Top 10 der abschreckendsten schaffen, jedenfalls wenn man mich fragt, wobei ich netterweise bei Zürich auch gerne besonders strenge Massstäbe ansetze. Und so hielten mich so einige wohl für irr – gut, das tun sie sowieso, selbst wenn ich nicht lächle -, wie ich da so strahlend durch die Gegend schwirrte, so dass eine logische Konsequenz wäre, ganz in Schweizer Manier, dies jetzt nicht mehr zu tun, denn man will ja  bloss nicht auffallen. Gleichzeitig erntete ich aber auch das eine oder andere ehrliche Lächeln zurück, und das war schön, hoffentlich für beide Seiten.

Diese Tage dann also der Versuch in Berlin. Zuerst lief das ja ganz gut, was heisst, dass ich jeden fleissig anschaute und anlächelte, aber mich kaum einer beziehungsweise eigentlich keiner weiter beachtete. Das ist dann eben die Kehrseite von dem, was ich an Berlin so schätze. So fühle ich mich dort bedeutend freier als in der Schweiz, dass ich sein darf, wie ich bin, ohne dafür ständig von oben bis unten gemustert zu werden oder mir intolerante und daher unnötige Kommentare anhören zu müssen, gleichzeitig geht damit aber auch einher, dass man einander wohl ausblendet, jeder einfach sein Ding macht und bei sich ist. Wie ja alles immer zwei Seiten hat…und für mich meistens auch noch viel mehr. 

Wenn mal einer den Blickkontakt erwiderte, dann war er eher männlich, und das wird dann schon schwierig. Das ging bereits öfters in die Hosen, dass ich aus reiner Freundlichkeit ohne weitere Gedanken in irgendeine Richtung einen Mann angelächelt und mich auch mit ihm unterhalten habe, mir dann anschliessend aber anhören musste, ich hätte klare Signale gesendet und ihm falsche Hoffnungen gemacht. Sowas endete dann nicht mit einem beidseitig wohlgemeinten Lächeln, sondern eher als eine weitere Erfahrung, auf die ich hätte verzichten können. 

In der S-Bahn war es mir dann auch bereits nicht mehr zum Lächeln und ich regte mich mal wieder auf – dieses Mal wie so oft über Männer, die breitbeinig da sitzen, als wären und hätten sie die Überdinger, und mich damit in meinem Platz einschränken. Das vertrage ich äusserst schlecht und verfalle dann u. a. in einen Rollenkampf, indem ich es eine Frechheit finde, dass ich als Frau mich auf die Hälfte meines Sitzes beschränken soll, nur damit der Typ daneben sich auch ja arg breit machen kann. Das Lächeln verging mir also für einen Moment, bis ich mich dann wieder zur Besinnung rief und mich an meine Mission erinnerte. Also lächelte ich, nur waren die Herren alle dermassen in ihre Handys vertieft, dass keiner von ihnen auch nur ansatzweise etwas davon mitkriegte, selbstverständlich auch nicht von meinem Platzmangel, den ich stoisch ertrug. 

Weiter ging’s… Wobei mir klar wurde, dass die Vermeidung des Blickkontakts ja schon auch eine Schutzfunktion hat beziehungsweise da wir uns alle so abschotten und uns gegenseitig ignorieren, ein Blickkontakt oder ein Lächeln für manche Menschen einen solchen Seltenheitswert erhält, dass sie gleich andocken, sich mehr erhoffen, und sei es nur ein Gespräch, Gesellschaft. Während ich sie zwar gerne anschaute und anlächelte, hatte ich jedoch gerade so gar keine Lust auf intensiveren Kontakt und mich da bereits wieder in etwas reinmanövriert. Dieses Mal mit einem Inder, der neu in Berlin war und jemanden suchte, der ihm die Stadt etwas zeigt oder auch einfach mal mit ihm spricht. Gerne wäre ich diese Person gewesen, aber ich war sie halt gerade echt nicht. Und so musste ich mich ebenso freundlich wieder verabschieden und weiterziehen. In der Hoffnung, dass dieser nette Herr fernab seiner Heimat dann doch noch jemanden findet, dem es mehr nach Gesellschaft ist als mir generell, die ich doch äusserst viel Zeit und Raum für mich brauche.

Ich kam dann doch mal noch am veganen Strassenfest in Berlin an, wo ich auch hin wollte, und da…da verging mir jegliches Lächeln und eine Stinklaune kam auf, autsch. So schnell und einfach geht’s, so gut die Vorsätze auch mal wieder gewesen sein mögen. Und zwar störte es mich, dass dies das grösste vegane Strassenfest Europas sein soll und es dann dermassen – jetzt wird’s mal wieder sehr scharfzüngig – dilettantisch und trashy daherkommt. Dass es eigentlich nur Fast Food und Zucker gab, so gut wie kein Gemüse …?!?… oder Körner oder was wir ja bekanntlich nur essen sollen, sondern ja, Burger an Burger und was ein Fast-Food-Herz und Zuckerjunkie sonst noch so begehren mag sowie arg viele Informationsstände mit Bildern über ganz viel Tierleid, das der Welt natürlich nicht verborgen werden soll, aber ich will’s halt doch nicht immer sehen und brauch davon ja auch schon lange nicht mehr überzeugt zu werden. Als ich dann bei der Tombola noch eine „DVD mit krass schlimmen Tierbildern“, wie sie es so nett formulierten, angeboten bekam, verzichtete ich gerne und machte mich auch recht schnell wieder vom Acker.

War also nichts mit der Vorfreude auf dieses grösste 3-tägige Fest… Wobei ich hier nun schon noch anfügen muss, dass es immer sehr einfach ist, zu kritisieren, und es ja toll ist, wenn überhaupt etwas organisiert wird, was ich selbst ja nicht tue. Ich bedaure einfach sehr, wenn der Veganismus doch immer mal wieder diesen verpeilten Touch erhält und dadurch nicht für voll genommen wird, weil das ja eh nur esoterische, langhaarige Spinner in Gesundheitslatschen und Wollpullover machen und so. Zudem nervt es mich, dass ich nur, weil ich mich vegan ernähre, irgendwie jeden Mist essen und dafür noch wer-weiss-was bezahlen soll, in äusserster Dankbarkeit dafür, dass überhaupt jemand die Grosszügigkeit hat, etwas Veganes anzubieten – was vor allem auch jetzt in der Schweiz wieder trauriger Alltag ist, wo die Preise sowieso überrissen sind und sie für veganes Essen dann nochmals unverschämt viel drauf setzen, wie zum Beispiel auch an der Veganmania vor ein paar Woche. Ja, soviel dazu, das Lächeln war jedenfalls weg und ich der Übung dann doch auch etwas müde, zumindest einmal für den Moment. 

Diese Tage beim Spaziergang im Schweizer Dorf erinnerte ich mich dann wieder daran, wie es hier wiederum unhöflich ist, wenn man sich nicht beachtet und grüsst. Wobei dies mehr eine Floskel, eine Anstandsübung ist als zwangsläufig Herzlichkeit. Ich lächle also wieder, suche bewussten Blickkontakt. Und werde nicht so schnell aufgeben… 

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Ein Kommentar zu „Mit einem Lächeln durch die Stadt ziehen

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