Alltagsanekdoten / everyday life

Die Qual der Wahl

Und sie quälen mich wirklich, all diese vielen Möglichkeiten, die die meisten von uns heutzutage im Westen so haben. Konstant. Einerseits möchte ich mich ja nicht beklagen, aber andererseits dann halt doch. Nun gut, ich habe wohl auch besonders viele, da ich es geschafft habe, im fortgeschrittenen Alter (Mitte 30, aber in Bezug auf das, was ich sagen will, halt echt schon relativ fortgeschritten) so ganz völlig frei zu sein – ohne Partnerschaft oder Kinder, ohne Job, ohne Wohnung. Ich kann theoretisch jederzeit überall hinziehen. Noch ein paar Freunde mehr besuchen, als ich das bereits gemacht habe die letzten zwei Jahre. Oder erneut durch Asien oder sonst wo irren. Sagen wir reisen, klingt besser. Oder mich halt doch mal wieder wo niederlassen – nur wo? Dann eine Wohnung suchen – nur welche und was denn nun? Bevor ich die Wohnung suche und finde, dann vielleicht besser erst eine Stelle suchen – hmm… ??? Und abgesehen von diesen immensen Entscheidungen gehen damit und mit jedem Tag so wahnsinnig viele weitere einher. Ich bin es leid.

Manchmal wäre ich echt froh, ich hätte nicht so ganz arg viele Wahlmöglichkeiten – bis ich sie dann nicht mehr habe, dann stört mich das bestimmt. Weil ich halt auch immer Angst habe, etwas zu verpassen, die falsche Entscheidung zu treffen. Auch nur schon bei all den tausend Versicherungs-, Handy-, Internetanbietern, (…you name it…). Warum tue ich mir das überhaupt wieder und wieder an? Warum nicht einfach das Erstbeste wählen und es damit gut sein lassen, das Leben geniessen, auf das Risiko hin, dass es da noch mehrere andere Optionen gibt, die allenfalls besser, günstiger, erfüllender (dito) sind und die ich dann halt „verpasse“. Allenfalls – bis ich sie dann habe und bestimmt die Erstbeste dann doch besser, günstiger, erfüllender (dito) gewesen wäre. Wer bestimmt das denn? Ich. Nur ich alleine. So dass ich mich genauso gut dazu entscheiden könnte, es einfach mal gut sein zu lassen. Dass die Option, welche auch immer ich dann wähle, tatsächlich für mich die beste und richtige ist, ganz einfach, weil ich sie halt so für mich gewählt habe. Punkt.

Ich hatte es auch länger mit einer Freundin in Jakarta davon, die meinte, es überrasche sie immer wieder, wie viele Leute aus dem Westen alles kündigen und länger auf Reisen gehen. Dass man das bei ihnen nicht mache, allgemein für sie vieles schon vorbestimmt war, von den Eltern oder der Gesellschaft. Und dann wagte ich mich tatsächlich über all die vielen Möglichkeiten zu beklagen, die ich als Schweizerische und deutsche Frau heutzutage so habe. Dass ich heiraten darf, wen ich will (solange es denn keine Frau ist, so weit sind wir dann leider doch noch nicht, aber hoffentlich bald), zur Schule gehen, Fremdsprachen lernen und mich ausbilden lassen durfte, was es mir nun ermöglicht, vielerorts zu arbeiten, dass ich überhaupt arbeiten, reisen und alleine wohnen darf und durchs Band eine Vielfalt an Optionen habe – Freiheiten, die mich aber auch immer wieder überfordern. Meine Angst triggern, in all der vielen Freiheit das Falsche zu tun, all dies nicht ausreichend zu nutzen, mein Leben zu verschwenden an minderwertige Alternativen. Dass ich die Verantwortung dafür nicht übernehmen will. Im Aussen nach jemandem suche, der mir die Entscheidungen abnimmt, und sei’s der liebe Herr Zufall oder Frau Schicksal, und den ich dann dafür verantwortlich machen kann, wenn’s schief geht.

Dass ich an FOMO leide, wie mir eine Reisebekanntschaft in Bali erklärte. Denn auch ihr geht es so, auch sie kennt „the fear of missing out“ (die Angst, etwas zu verpassen). Und da wir damit offensichtlich nicht alleine sind, gibt es schon einen Namen, ein Akronym dafür. Wenn ich jetzt Google dazu befrage, dann sagt es mir zwar, dass dieses mit dem Gebrauch von sozialen Medien verknüpft wird, wovon ich hier jetzt grad nicht schreibe. Und dass es inzwischen auch schon JOMO gibt, „the joy of missing out“ (die Freude daran, etwas zu verpassen, die ich definitiv nicht habe – oder vielleicht doch, sporadisch, wenn’s um Street Parade, 1. August-Feiern und solchen Quatsch geht), aha.… Gut, man lernt ja nie aus. Und FOMO, JOMO hin oder her, ich kenne sie tatsächlich sehr gut, diese Angst, etwas zu verpassen. Jetzt nicht unbedingt im Social-Media-Bereich, obwohl irgendwie ja schon auch. So habe ich das Handy viel öfters an, als ich das gerne möchte, und schaue auch immer mal wieder auf Facebook rein, was mich dann wiederum nervt. Darüber lasse ich mich aber gerne ein andermal aus. Jetzt geht es mir um Existenzielleres.

Was ich denn eigentlich sagen will, womit ich ursprünglich einmal anfangen wollte und damit dann ohne diese ganze Umschweife gleich zum Punkt gekommen wäre (man kann also auch gerne alles Bisherige überspringen und erst hier einsteigen, könnte sich lohnen): Ich stand da also gerade in der Küche meiner aktuellen Bleibe und zerbrach mir mal wieder den Kopf darüber, was ich denn nun soll, wie weiter – Endlosthema! Und dann auf einmal so der Gedanke: Was, wenn alles stimmig ist, egal, was ich wähle? Dass es keine richtige und falsche Entscheidung gibt, sondern einfach gleichwertige Wahlmöglichkeiten. Und welche Entscheidung ich nun auch immer treffen werde, sie wird gut sein und mich meinen Weg gehen lassen. Dass mir alle Optionen auf ihre Weise entsprechen – ansonsten hätte ich sie ja gar nicht in die Wahl mit einbezogen -, und jede auf ihre Art mich bereichern wird. Keine von ihnen wird perfekt sein, nie. Das kann ich gleich und für immer und ewig streichen. Und eine wird definitiv nicht haben, was die andere dann wiederum gehabt hätte und vice versa, damit ich mich damit auch schön närrisch machen kann, aber dass egal, welche Wahl ich auch treffe, es die richtige ist, immer. Würde mich dieser Gedanke nicht sofort alles viel entspannter betrachten und auch entscheiden lassen?

Wenn ich ihn denn hinkriege… Aber ich möchte mich darum bemühen.

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