Gedanken über mich und die Welt / just thinking...

Wut

Vor allem wir Frauen sollen es ja nicht sein, wütend. Man hätte gerne brave, liebe, freundliche, friedliche Mädchen, die jegliches Aufkommen von Wut, so angebracht sie auch sein möge, gekonnt abmurksen und unterdrücken. Zeigen sie sie dennoch, dann tun die aber auch wieder hysterisch diese Mädchen, Frauen, Weiber. Dann besser unterdrücken, davon zwar allenfalls depressiv werden, aber das kurbelt dann ja wenigstens auch gleich kräftig die Pharmaindustrie an. So ein Novartis-Manager braucht schliesslich seine Milliönchen, und man will ja wohl nicht das Wohl von Milliarden von Frauen höher stellen als seines, also bitte! Zudem braucht so manch ein Mann und sein Ego etwas, das er herumschubsen, ausbeuten oder gar und ja nicht allzu selten missbrauchen kann. (Eine erneute Riesenklatsche an die Pharmaindustrie und die Männerwelt, wie böse von mir – aber doch nicht allzu weit hergeholt, seien wir mal ehrlich. Und ja, es gibt immer auch die anderen, selbstverständlich und Gott sei Dank).

Nachdem meine heutige Dosis an Scharfzüngigkeit damit hoffentlich abgearbeitet ist, also nun doch gerne möglichst objektiv was zum Thema der Wut. Ich bin zwar so gar nie wütend, nein, voll nie und nimmer, aber ich erlaube mir dennoch etwas dazu zu sagen. Und zwar habe auch ich mir nie wirklich erlaubt – kämpfe da nach wie vor mit -, wütend zu sein und damit dann den einen oder anderen Übergriff zugelassen, den mir meine Wut gerne erspart hätte. So kann sie nämlich eine äusserst gesunde Reaktion auf äusserst ungesunde Umstände sein. Sie will uns etwas zeigen, immer. Die Frage ist nur, ob wir dieses Etwas denn auch sehen wollen. Und ob vor allem auch unsere Umwelt dies will und zulassen kann. 

Hätte ich auf meine Wut gehört, wäre ich bedeutend öfters für mich und meine Bedürfnisse eingestanden, als ich das eben bin. Aber genau deshalb sollen wir sie ja auch unterdrücken, ist natürlich bequemer für die Umwelt – zumindest kurzfristig. Und da rede ich jetzt nicht mehr nur von uns Frauen, sondern völlig allgemein. Dass Wut eine menschliche Grundemotion ist, die wohl schon auch so ihren Grund sowie ihre Berechtigung hat, sonst hätten wir sie ja nicht.

Natürlich, ich will damit jetzt bestimmt nicht postulieren, dass wir alle in Wut und gar Hass aufgehen und alles kurz und klein schlagen sollen. Bestimmt nicht. Nur glaube ich auch, dass es zu bedeutend weniger Gewaltakten käme, sowohl physisch als auch psychisch, wenn Wut nicht unterdrückt, sondern angeschaut würde. Würden wir ihre Botschaft gleich annehmen oder zumindest mal in Betracht ziehen, dann müsste sie nicht eine immer klarere und lautere Sprache sprechen, bis wir und auch unsere Umwelt gar nicht mehr anders können, als sie wahrzunehmen.

Die Wut als Indikator, dass etwas nicht so läuft, wie wir es gerne hätten. Dies kann mir dann einerseits aufzeigen, dass ich da vielleicht überzogene Ansprüche und Erwartungen habe und diese hinterfragen sollte oder aber eben ein wichtiges Warnzeichen sein, dass ich mich in die falsche Richtung entwickle, benachteiligt, benutzt, in irgendeiner Form missbraucht oder unfair behandelt werde. Dies könnte ich dann erkennen, ohne dass weitere Personen oder auch ich selbst dadurch Schaden nehmen müssen und sollen, und mich gesünder, stimmiger verhalten = entziehen, abgrenzen, wehren, umdenken oder was auch immer gerade angezeigt sein möge.

Ich musste die letzten Jahre jedenfalls feststellen, dass sich da doch ordentlich was an Wut in mir aufgestaut hat. Die nun ihr Ventil sucht, in all ihrer Macht. Die nicht länger unterdrückt, abgemurkst, totgeschwiegen werden will. Ich habe ja so einige Ticks und Macken, u. a. auch doch recht hohe Ansprüche an mich. Diese habe mich dann jeweils zu folgender Idiotie verleitet: Ich werde unfair, unprofessionell, kriminell, respektlos behandelt, anstatt aber wütend zu werden und mich gerechtfertigt davor zu schützen und zur Wehr zu setzen, glaube ich dann noch, da jetzt drüber stehen und für alles und jeden Verständnis haben zu sollen, vergeben zu müssen und sowieso halt einfach bitteschön liebender zu sein – wie der Dalai Lama, Gandhi, Jesus halt. Weil Wut zu haben und dann auch noch zu zeigen schwach sei, eben unliebend, negativ und totalst zu vermeiden. Nun gut, wer mich kennt, denkt jetzt wohl: Hä? Denn es war ja nicht so, dass ich nie wütend war. Nur hätte ich noch viel wütender sein können und sollen. Mir diesen Kratzer am Selbstbild erlauben, dass ich es zwar toll fände, so friedlich und gelassen wir ein Dalai Lama, Gandhi oder Jesus zu sein, es aber schlichtweg einfach (noch) nicht bin. 

Lange Rede mal wieder, kurzer Sinn: Unsere Wut will uns etwas sagen, etwas sehr Wichtiges, und damit wir diese Botschaft überhaupt wahrnehmen und idealerweise auch annehmen können, müssen wir sie aber auch beachten. Nicht als abzuwehrenden Feind und Schandtat unsererseits ansehen, sondern als lieber Botschafter, der es eigentlich nur gut mit uns meint. Da spreche ich alleine von wahrnehmen, fühlen und ihr in uns Platz machen und so gar nicht von einem blinden Ausagieren, davon sie unreflektiert auf andere zu projizieren und ihr auf alle möglichen unfeinen Arten Luft zu machen, nur um sie schnellstens los zu sein.

Fakt ist, sie wird nicht einfach so verschwinden. Da besteht ein Riesenunterschied zwischen sie durch Achtsamkeit aufzulösen und sie blind zu unterdrücken. Denn bei Letzterem wird sie irgendwann Überhand nehmen, kann gar nicht anders. Als geballte Wucht, der wir und dann allenfalls auch andere machtlos ausgeliefert sind. Und wir uns dann erst recht so verhalten, wie wir das doch bloss nie wollten…

Während wir Schweizer schon sehr auf geheuchelte oder neurotische (man darf wählen) Freundlichkeit bedacht sind – nein, jetzt bin ich nicht wieder scharfzüngig, sondern realistisch, selbstkritisch und so -, hab ich es in Berlin genossen, wie da offen(er) und ehrlich(er) kommuniziert wird, à la Berliner Schnauze halt (wobei an der Ausdrucksweise schon auch noch gefeilt werden könnte), wenigstens soweit ich dies mitgekriegt habe und beurteilen kann. Es gibt ja immer und überall solche und solche. Aber da wurde halt gesagt, was man denkt, dafür war Platz, und dann war auch wieder gut. Während wir hier eher dazu neigen, übertrieben gute Miene zum bösen Spiel zu machen und uns dann dafür hintenrum abzureagieren, was ordentlich feig und eben geheuchelt ist, nicht bewusst, aber perfekt antrainiert. 

Auch da wäre es ja bereits eine völlig andere Ausgangslage, würden wir alle die Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen. Dass es dann eben nicht heisst: „Du machst mich gerade aber sowas von wütend, du blöder Arsch du“, sondern halt zum Beispiel „Was du da gerade gesagt hat, löst Wut in mir aus, weil ich mich in diesem oder jenem Bedürfnis nicht wahrgenommen und respektiert fühle“ oder so irgendwie. Bin da jetzt auch kein Profi von der letzteren Vorgehensweise, im Strudel der Emotionen dann sowieso nicht mehr. Aber zumindest könnte man dann darüber reden und wäre auch für sich selbst eingestanden. 

Ich glaube halt, dass die Wut an sich echt kein Problem wäre, würde uns von klein auf ein anderer Umgang damit aufgezeigt. Dass sie a) sein darf, b) ihre Gründe hat und c) eine Fundgrube an Weisheiten über uns und unser Befinden ist. Wenn uns vor allem auch beigebracht würde, einfach mal mit ihr zu sitzen, wie mit einem Freund, ihr zuzuhören, sie anzuschauen, vielleicht auch nochmals darüber zu schlafen und dann erst zu handeln. 

Und manchmal sollte man sich auch einfach besser über Personen informieren, denen man nacheifert, um dabei allenfalls herauszufinden, dass auch sie nur Menschen waren und menschliche Emotionen auch ihnen nicht fremd sind. So ist mir als Nicht-Bibelkundige nun schon mehrfach die Passage der Tempelreinigung begegnet, als eben auch Jesus sehr wütend war und die Händler aus dem Tempel vertrieb.

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2 Kommentare zu „Wut

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